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25. September 2007 Darius Saniee-Ghomi fügt Menschen Schmerzen zu. Jeden Tag, mehrmals, und sie bezahlen ihn dafür. Es gibt viele, die ihn ihr Leben lang nicht vergessen werden: Spieler der Eintracht Frankfurt, die Sänger der Backstreet Boys, Einheimische, Touristen. „Screwface“ heißt das Tätowier-Studio, das Saniee-Ghomi nahe der Konstablerwache betreibt. Im ersten Stock liegt dort Markus Schwönge (Name geändert) auf dem Bauch. Nervös rutscht er auf der türkisfarbenen Liege herum, die in der Mitte des Raumes steht. Die schwarzen Haare auf seiner rechten Wade hat Saniee-Ghomi bereits abrasiert. Alles an dem sterilen Raum erinnert an einen Zahnarztbesuch: Die hellen Wände, der absenkbare Behandlungsstuhl, sogar der Geruch, eine Mischung aus Desinfektionsmittel und Kunststoff. Und spätestens wenn die Nadeln der Tätowiermaschine, der „tattoo-gun“, zu surren beginnen, werden Bilder der letzten Wurzelbehandlung wach. Einzig die kleine Freiheitsstatue von New York, die im Regal vor Schwönge steht, will nicht so recht passen: das Gesicht ein Totenkopf, der Arm, der eigentlich die Fackel halten sollte, abgetrennt. Chinesische Schriftzeichen schmücken den Arm "Ich bin kaum nervös", versichert der Kunde „Das Klischee von zwielichtigen, verrauchten Studios, in denen man den ganzen Tag auf abgewetzten Sofas rumlungert und besoffene, bärtige Seemänner tätowiert, ist längst überholt“, sagt Saniee-Ghomi, 39 Jahre alt. Die hellen, freundlichen Räume und das Schild „Rauchen verboten“ über dem Tresen im „Screwface“ scheinen ihm recht zu geben. Und er sieht auch nicht gerade aus, wie man sich den Inhaber eines Tätowierstudios gemeinhin vorstellt: Einszweiundsiebzig ist er groß, neben einem offenen Lächeln trägt er kurze, blonde Haare und grüne Flipflops. Er hat nur sieben unscheinbare Tattoos, darunter einen kleinen Delphin auf einem Oberschenkel. „So, dann wolln wa ma. Das wird ne echt geile Waschmaschine, die ich dir auf deine Wade tätowiere, Alter“, flachst Saniee-Ghomi. Der entsetzte Blick von Schwönge zeigt, wie wenig der gerade zu solchen Scherzen aufgelegt ist. Denn eigentlich soll es für den 22 Jahre alten Kfz-Auszubildenden heute ein großer chinesischer Drache werden, ganz in Schwarz. Zwei Stunden wird es dauern, bis das 30 Zentimeter große Motiv auf seine Wade gestochen ist, 250 Euro zahlt Schwönge dafür. „Nervös bin ich kaum“, sagt er unsicher und krempelt den Ärmel seines T-Shirts hoch. Er präsentiert seinen Oberarm. Detailarbeit Seit einem Jahr prangen dort die vier verschnörkelten Buchstaben „A C A B“ und spiegeln seine schlechten Erfahrungen mit der Polizei wider. Die Abkürzung steht für „all cops are bastards“, alle Polizisten sind Bastarde. Schwönges rechten Unterarm zieren fünf chinesische Schriftzeichen, vor drei Jahren ließ er sie sich stechen. „Das Leben ist schöner als der Tod“, lautet die Übersetzung. Hauptsache, sichtbar „Chinesische Zeichen, sogenannte Kanjis, sind bei den Kunden sehr beliebt“, sagt Saniee-Ghomi. Dabei komme es den meisten aber mehr auf das Aussehen und weniger auf die Bedeutung der Schrift an. Überhaupt habe sich der Geschmack der Kunden in den vergangenen Jahren stark verändert. Früher seien vor allem Delphine, Rosen, Teufelchen und Steißbeintattoos – im Volksmund auch Arschgeweihe genannt – verlangt worden. Heutzutage seien es Ornamente in der Leistengegend und Sterne in allen denkbaren Variationen. Während seine weiblichen Kunden ihre Tattoos auf den Knöcheln, dem Schulterblatt und auf den Hüften bevorzugten, trügen Männer sie lieber an Unterarmen und dem Hals – Hauptsache, sichtbar. Farbvielfalt „Hauptsache, sichtbar“, dachte sich auch Felix Druschel, 20 Jahre alt, als er sich vor zwei Jahren seinen linken Unterschenkel tätowieren ließ. Die große Lotusblüte, die sich von seinem Knöchel bis zum Knie schlängelt und in deren Mitte ein Totenkopf prangt, hat er selbst entworfen. Ebenso wie den Schriftzug „Know your proofs“ auf seinem linken Oberarm, „wisse um deine Fähigkeiten“. Seit drei Monaten ist Druschel Praktikant im „Screwface“, nebenher leistet er seinen Zivildienst bei der Stadt Bad Homburg. Irgendwann möchte er selbst einmal Tätowierer werden. Bis es so weit ist, zeichnet er Tattoo-Vorlagen, sogenannte „flashs“, und kümmert sich um die Werkzeuge und die Hygiene im Studio. Sein größter Traum: „Irgendwann soll meine komplette linke Körperhälfte mit Tätowierungen verziert sein.“ Kein seltener Gedanke, wie Saniee-Ghomi weiß: „Das Tätowieren wirkt bei vielen wie eine Sucht, einmal begonnen, können sie nicht mehr aufhören“, sagt er und schwelgt in Erinnerungen. Damals, bis vor etwa zehn Jahren, habe es einen richtigen „Tattoo-Zirkus“ gegeben, da hätten die Leute vor dem Studio Schlange gestanden und die Nadeln ständig gesurrt. Das Tätowieren sei damals noch wahre Kunst gewesen, gut bezahlt, bis zu 15.000 Euro im Monat habe er verdient. Vorbei. „Hier in Frankfurt eröffnen viele neue Tattoo-Studios, die meisten halten sich aber nur ein, zwei Jahre. Dann merken die Besitzer, dass das auch Arbeit bedeutet.“ Schwarzes „M“ auf der Stirn "Das wird ne geile Waschmaschine": Darius Saniee-Ghomi, der Besitzer von "Screwface" Das „Screwface“ war eins der ersten Tätowier-Studios in Frankfurt. Zusammen mit seinem Bruder Cyrus, beide sind Halbiraner, hat Saniee-Ghomi es 1996 eröffnet. Zuvor ist er um die halbe Welt gereist und hat das Tätowieren gelernt, von den ganz Großen der Szene, sagt er. Nach dem Realschulabschluss, im Alter von 17 Jahren, zog Saniee-Ghomi nach Amerika. Fünf Jahre hat er dort illegal verbracht, „gelebt und überlebt“. Und seine ersten Stiche gemacht, mit einer selbstgebastelten „tattoo-gun“. „Mein erstes Tattoo hab ich total verkackt. Den Schatten am Bart eines Indianers hab ich so dunkel gestochen, dass es hinterher aussah, als hätte er einen Ziegenbart“, erzählt er und grinst. Jugendsünden. Gelernt hat er unter anderem bei Don Ed Hardy, dessen Tattoo-Vorlagen heute die Kleidung von Prominenten wie Paris Hilton und Heidi Klum zieren, der Frankfurter nennt ihn einen der besten Techniker in der Szene. Auch Leo Zulueta, der die mittlerweile omnipräsenten „Tribals“ in den neunziger Jahren populär machte, habe ihm viel beigebracht. Diese „Ausbildung“ wüssten seine Kunden zu schätzen. Vom Bäcker bis zum Bankangestellten sei alles dabei, sagt der Tätöwierer und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen. Die 60 Jahre alte Frau, die es mit der großflächigen Tätowierung auf ihrem Rücken in die Schlagzeilen schaffte, hat er unter seinen Nadeln gehabt. Arbeitswerkzeug "tattoo-gun" Ebenso wie den Arzt, auf dessen bestes Stück er den Bundesadler stach, oder den Polen, der dachte, mit einem schwarzen „M“ auf der Stirn könne er – wie sein Vorbild in der japanischen Manga-Serie Dragonball – Energiebälle schleudern. Zweimal hatte Saniee-Ghomi ihn weggeschickt, bevor er ihn dann doch auf die Liege bat. Normalerweise, sagt er, habe er für „Spinnereien“ kein Verständnis. „Wenn Menschen zum Beispiel betrunken sind oder sich den Namen des Partners stechen lassen wollen, schicke ich sie schneller weg, als sie Tattoo sagen können. Manche Menschen muss man einfach vor sich selber schützen, und ich bin ja schließlich kein Arsch.“ Rausschneiden, abschleifen, „weglasern“ Drei Möglichkeiten gibt es laut Falk Ochsendorf, leitender Oberarzt der Hautklinik Frankfurt, um die unliebsam gewordenen Tätowierungen zu entfernen: Je nachdem, wie tief und mit welchen Farben es gestochen wurde, könne man es rausschneiden, abschleifen oder „weglasern“. Im Gegensatz zu den anderen Möglichkeiten blieben beim Lasern in der Regel keine Narben zurück, weshalb es noch immer die beliebteste Methode sei. „Wir zersprengen die Farbpartikel in der Haut mit sehr kurzen Lichtblitzen in kleine Bruchstücke“, sagt Ochsendorf. „Diese werden dann durch die Entzündungen, die an der betroffenen Stelle entstehen, nach außen und von den Lymphgefäßen nach innen abtransportiert.“ Entfernen lassen sich Tattos nur mit Mühe - oder gar nicht mehr Etwa alle acht Wochen wiederhole man diese Prozedur, je nach Aufwand müsse man dabei jeweils mit bis zu 250 Euro rechnen, so Ochsendorf. Bis das Tattoo vollständig entfernt ist, könnten so schon mal zwei Jahre vergehen. Besonders problematisch beim Entfernen sei die Kombination „Profi und bunt“, denn gut gemachte Tattoos seien meist sehr farbintensiv und daher schwer wegzulasern. Und viele Farben würden vom Laser gar nicht „erkannt“, sagt Ochsendorf. Bei braunen und gelben Tattoos hätte man beispielsweise keine Chance, sie mittels Laser zu entfernen. Auch Saniee-Ghomi kennt die Situation, wenn plötzlich unglücklich gewordene tätowierte Kunden in seinem Studio stehen. „Viele von ihnen können und wollen sich eine Laserbehandlung nicht leisten“, sagt er. Statt in die Hautklinik zu gehen, kämen sie dann wieder ins „Screwface“, um sich den unliebsamen Körperschmuck überdecken zu lassen – mit einem neuen Tattoo.
(Quelle:www.faz.net)
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