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Ein Kuss mit Kugel ist der Kick |
Herten. Christin Breuling (16) trägt den Schlüssel zu ihrem Herzen am Bauchnabel. Der ist für Freund Dennis von Düren (20) reserviert. Auf seinem tätowierten Arm grinst ein Dämon, und in seiner Zunge steckt eine dicke Kugel. "Ein tolles Gefühl beim Küssen", schwärmt Christin. Das Paar steht auf Tattoos und Piercings - wie viele Jugendliche. Ein Stift in der Augenbraue, ein Ring durch die Lippe, Stecker in der Ohrmuschel, Knöpfe in der Zunge und am Bauchnabel ... Ricarda Kollhoff (20) hat in die Dekoration ihres Körpers schon viel Geld investiert und dabei auch Schmerzen in Kauf genommen. "Natürlich habe ich vorher Angst und bin nervös. Aber das ist ja gerade der Kick", sagt die Chemielaborantin. Ihr erstes Piercing am Nabel hat sie mit 14 Jahren bekommen. "Ich musste lange betteln, bis meine Eltern ja gesagt haben - und aus eigener Tasche 70 Mark bezahlen." Mit guten Noten hat sie sich die Erlaubnis erkämpft. Ihre Eltern kamen mit ins Studio. "Ob Piercing oder Tätowierung: Bei Minderjährigen müssen die Eltern dabei sein. Ansonsten verlangen wir eine schriftliche Vollmacht und den Personalausweis der Erziehungsberechtigten", erklärt Frank Wölfl, Inhaber des Tattoo- und Piercing-Studios "Titan X". Der 33-jährige, selbst reich mit Ringen und Knöpfen sowie Tattoos dekorierte Piercer wundert sich: "Die Jugendlichen, die zu uns kommen, werden immer jünger. Und viele Eltern geben ihr Einverständnis - es scheint ihnen egal zu sein." Er selbst musste mit Mutter und Vater manchen Kampf ausfechten, weil seine Vorstellung von ästhetischem Körperschmuck so gar nicht in deren Weltbild passte. "Aber da hat sich vieles geändert. Vor kurzem haben wir meiner Mutter ihr erstes Tattoo am Unterschenkel gestochen - und sie ist über 60!" Am liebsten ist Frank Wölfl, wenn seine Kunden volljährig sind. So wie Sonnel Chatteryee. Die 24-Jährige arbeitet in einer Apotheke und hat sich ihr erstes Piercing mit 16 Jahren machen lassen. Bauchnabel, Lippe, Braue, Ohr sind mittlerweile perforiert. "Meist mache ich das, wenn sich in meinem Leben etwas ändert. Ich finde, dass mein Körper dadurch schöner wird. Meine Eltern sehen das anders." Heute bekommt sie ihr zehntes Loch. Der Piercer hat Latex-Handschuhe übergestreift und arbeitet mit sterilen Zangen und Kanülen. Als er das knorpelige Zäpfchen über dem Ohrläppchen fest in die Zange klemmt und durchsticht, wird der jungen Frau kurz übel. Dann überwiegen Freude und Stolz, als der Metallstift an Ort und Stelle sitzt und sie das Ergebnis im Spiegel begutachten kann. Ricarda hatte mit ihrem Nasen-Piercing große Probleme: Es war schwer entzündet, musste vom Hautarzt entfernt werden. Ihre Zunge war nach dem Piercen tagelang dick. "Da half nur Eiswürfel lutschen und mit Kamillentee spülen." Ihren Traum von einem Nackenpiercing wollte der Fachmann nicht erfüllen. Auch einen Stab durch die Nasenwurzel lehnte der Piercer ab: "Zu gefährlich. Da könnte ein Nerv getroffen werden, dann hängt das Augenlid." Freundin Janina Breuling (20) will nicht, dass jeder ihre Perforationen sieht. "Deshalb habe ich einen Ring im Lippenbändchen und unter der Zunge." Auch bei ihr hat der Piercer einmal abgelehnt. "Als ich einen Stab durch die Nasenscheidewand wollte." Dass die Körperdekoration ihr später einmal Probleme im Job bringt, glaubt sie nicht. "Ich will Mediengestalterin werden - das ist keine spießige Branche."Anders wäre das wohl, wenn sie zum Beispiel Bankkauffrau werden wollte. "Aber dann kann man die Dinger zur Not rausnehmen. Bei Tattoos ist das nicht so leicht möglich." Ihr Tribal-Tattoo (ursprünglich Stammestätowierungen) hat sie mit 13 Jahren machen lassen. "Da begann meine rebellische Phase - ich wollte anders sein." Ablehnung hat Janina damals erfahren, als sie auf eine katholische Realschule wechselte. "Die Schulleiterin war entsetzt." Männer sprächen das Thema kaum an. "Piercings sind heute normal. Man wird eher angegafft, wenn man gar keins hat." Dennis mit der dicken Zungen-Kugel hat seinen Dämon, den er sich mit 15 Jahren stechen ließ, nachträglich mit Sternen dekoriert. Einer davon prangt auf dem Handrücken. "Das ist blöd, weil ich bei der Arbeit Kontakt zu Kunden habe", sagt der Azubi. Sein Rat: "Tattoos sollte man nur an Körperteilen machen lassen, die man zur Not unter Kleidung verbergen kann." Zum Beispiel auf den Armen. "Die würde ich am liebsten von oben bis unten tätowieren lassen." Aber das ist teuer. Der Dämon hat 150 Euro gekostet. Also wird gespart. Denn: "Tätowieren macht süchtig: Man will immer mehr!"
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